Ich suche nicht, ich finde: Es gibt Sätze, die liest man zum ersten Mal und denkt: Ja, klingt gut.

Und dann gibt es Sätze, die einen Jahre begleiten, weil sie mit der Zeit immer mehr Bedeutung bekommen.

Für mich gehört dieser dazu.

„Ich suche nicht, ich finde.“
– Pablo Picasso

Auf den ersten Blick wirkt der Satz fast provokant.

Schließlich suchen wir doch alle.

Wir suchen Antworten.

Wir suchen den richtigen Beruf.

Wir suchen Glück.

Wir suchen den Sinn des Lebens.

Oder?

Je länger ich über Picassos Satz nachdenke, desto mehr frage ich mich, ob wir vielleicht genau dort den ersten Fehler machen.

Picasso formuliert es völlig anders.

Er sagt nicht:

„Ich suche besser.“

Er sagt:

„Ich finde.“

Das klingt nicht nach Anstrengung.

Nicht nach Kampf.

Nicht nach Kontrolle.

Sondern nach Vertrauen.

Nach Offenheit.

Nach einer Haltung, die bereit ist, wahrzunehmen, was sich zeigt.

Vielleicht entstehen die besten Ideen genau dort.

Nicht, wenn wir sie erzwingen.

Sondern wenn wir ihnen begegnen.

Als Künstler begegnet mir dieser Gedanke immer wieder.

Natürlich beginne ich ein Bild mit einer Idee.

Aber irgendwann übernimmt etwas anderes.

Farben entwickeln ein Eigenleben.

Ein Pinselstrich verändert die Richtung.

Ein vermeintlicher Fehler eröffnet plötzlich eine neue Möglichkeit.

Rückblickend könnte ich sagen:

„Ich habe das Bild gesucht.“

Aber das wäre nicht ehrlich.

Viel öfter fühlt es sich so an, als hätte ich das Bild unterwegs gefunden.

Vielleicht kennen Musiker dieses Gefühl.

Schriftsteller.

Fotografen.

Oder Menschen, die vollkommen in ihrer Arbeit aufgehen.

Manchmal entsteht das Wertvollste nicht durch Kontrolle.

Sondern durch Aufmerksamkeit.

Vielleicht gilt das sogar für das ganze Leben.

Was wäre, wenn wir unsere Sprache ein wenig verändern würden?

Nicht:

„Ich suche mein Glück.“

Sondern:

„Ich finde meinen Weg.“

Nicht:

„Ich suche Lösungen.“

Sondern:

„Ich finde Möglichkeiten.“

Vielleicht verändert ein solcher Satz nicht sofort die Welt.

Aber möglicherweise verändert er den Blick, mit dem wir ihr begegnen.

Picassos Satz ist deshalb für mich weit mehr als ein Gedanke über Kunst.

Er erinnert daran, dass Kreativität nicht nur im Atelier beginnt.

Sie beginnt in unserer Haltung.

Zwischen dem Suchen und dem Finden liegt manchmal kein längerer Weg.

Sondern nur eine andere Perspektive.

Nachtrag zum Zitat „Ich suche nicht, ich finde.“

Nach dem nochmaligem Betrachten des Essays kam mir ein Gedanke.

Man kann das Zitat auch so deuten:

Höre auf zu suchen.
Lerne zu finden.

– Merlinori

Vielleicht beginnt das Finden genau dort, wo wir aufhören zu suchen.

Über Pablo Picasso

Pablo Picasso (1881–1973) zählt zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Georges Braque entwickelte er den Kubismus und prägte die moderne Kunst wie kaum ein anderer. Sein Werk umfasst Malerei, Grafik, Skulptur und Keramik. Bis heute inspiriert Picasso Künstlerinnen und Künstler auf der ganzen Welt – nicht nur durch seine Bilder, sondern auch durch seine Gedanken über Kreativität und den schöpferischen Prozess.

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