Flow ist dieser besondere Zustand, in dem Leichtigkeit und Vertrauen zusammenkommen und wir ganz in dem aufgehen, was wir gerade tun.

Flow

Es gibt Momente, in denen etwas einfach geschieht.

Wir denken nicht mehr darüber nach, was als Nächstes passieren muss. Wir überlegen nicht, ob wir es richtig machen. Wir kontrollieren nicht jeden einzelnen Schritt.

Wir tun es einfach.

Ein Sportler läuft, und plötzlich scheint sein Körper genau zu wissen, was zu tun ist. Ein Musiker spielt, und irgendwann spielt er nicht mehr bewusst Note für Note – die Musik fließt durch ihn hindurch. Ein Mensch tanzt, malt, schreibt, arbeitet oder bewegt sich und bemerkt plötzlich: Ich bin ganz darin.

Die Zeit scheint anders zu werden. Gedanken treten in den Hintergrund. Das Tun wird leicht.

Wir nennen diesen Zustand Flow.

Und vielleicht ist Flow viel mehr als nur ein besonders konzentrierter Zustand.

Vielleicht zeigt uns Flow, wie sich Vertrauen anfühlt.

Wenn Denken leiser wird

Unser Alltag besteht häufig aus Kontrolle.

Wir planen. Wir vergleichen. Wir bewerten. Wir überlegen, was richtig oder falsch ist. Wir denken über das nach, was gewesen ist, und versuchen gleichzeitig vorauszusehen, was kommen wird.

Unser Kopf ist ständig beschäftigt.

Flow funktioniert anders.

Im Flow wird das Denken nicht unbedingt ausgeschaltet. Aber es verliert für einen Moment seine dominante Stellung.

Der Körper bewegt sich.

Die Wahrnehmung wird unmittelbar.

Die Handlung folgt der nächsten Handlung.

Und plötzlich muss nicht mehr alles vorher gewusst werden.

Vielleicht liegt genau darin die Leichtigkeit.

Nicht alles wissen zu müssen.

Der Sportler im Flow

Man kann diesen Zustand besonders gut bei Sportlern beobachten.

Ein guter Läufer denkt nicht bei jedem Schritt darüber nach, welchen Fuß er jetzt aufsetzen muss. Ein Tennisspieler berechnet nicht bewusst jeden Winkel seines nächsten Schlages. Ein Fußballer hat manchmal den Eindruck, dass er genau im richtigen Augenblick dort steht, wo der Ball auftaucht.

Das bedeutet nicht, dass keine Erfahrung dahintersteckt.

Im Gegenteil.

Gerade weil so viel gelernt, geübt und erfahren wurde, kann irgendwann etwas geschehen:

Das Wissen wird zu Bewegung.

Der Kopf muss nicht mehr jeden einzelnen Schritt steuern.

Der Körper weiß.

Und genau deshalb kann der Mensch frei werden für das, was gerade geschieht.

Wenn Musik nicht mehr gespielt wird

Auch Musiker kennen diesen Zustand.

Es gibt diesen besonderen Moment, in dem ein Musiker nicht mehr das Gefühl hat: Ich spiele jetzt ein Stück.

Es fühlt sich eher an wie:

Die Musik entsteht.

Die Hände wissen, wohin sie müssen. Das Ohr hört gleichzeitig zu. Der Rhythmus trägt. Der nächste Ton entsteht aus dem vorherigen.

Vielleicht ist das einer der schönsten Momente kreativen Schaffens.

Denn auch Kunst entsteht nicht immer aus Kontrolle.

Manchmal entsteht sie gerade dann, wenn Kontrolle ein wenig zurücktritt.

Als Beispiel für diese Musik möchte ich Dir Hiromi Uehara, Künstlername Hiromi, eine japanische Jazz-Pianistin vorstellen. Kritiker nennen sie ein Jahrhundert-Talent. Mit Ihrem Trio-Projekt hat sie zahlereiche Konzerte  gegeben. Eines davon möchte ich die hier empfehlen.

Suite Escapism : in Between / Hiromi The Trio Project

Unfassbar, wie „blind“ diese drei Musiker mit einer Spiel- und Lebensfreude sich zuspielen. Ich finde keine Worte für das, was ich sehe, höre und fühle … Enjoy … und anschnallen 😉

Flow beim Malen

Das kenne ich auch aus meiner eigenen Arbeit.

Beim Malen gibt es Momente, in denen ich nicht mehr genau weiß, was ich eigentlich vorhabe.

Eine Farbe kommt dazu.

Eine Linie entsteht.

Eine Fläche wird verändert.

Etwas funktioniert nicht – also wird es wieder überarbeitet.

Und irgendwann beginnt das Bild, seinen eigenen Weg zu gehen.

Dann gibt es diesen Punkt, an dem ich nicht mehr versuche, das Bild zu einem bestimmten Ergebnis zu zwingen.

Ich reagiere.

Ich beobachte.

Ich nehme wahr.

Ich mache den nächsten Schritt.

Das Bild führt.

Und genau dort wird Malen für mich interessant.

Denn vielleicht ist Flow nichts anderes als ein Zustand, in dem wir aufhören, ständig gegen das Geschehen anzukämpfen.

Leichtigkeit bedeutet nicht Mühelosigkeit

Dabei wird Flow oft missverstanden.

Flow bedeutet nicht, dass alles leicht ist.

Ein Musiker übt jahrelang. Ein Sportler trainiert jahrelang. Ein Künstler arbeitet jahrelang an seinem Handwerk.

Flow bedeutet also nicht:

Es ist keine Anstrengung nötig.

Vielleicht bedeutet es eher:

Die Anstrengung steht nicht mehr zwischen mir und dem Tun.

Das ist ein großer Unterschied.

Auch etwas Schwieriges kann sich im Flow leicht anfühlen.

Nicht weil es einfach geworden ist.

Sondern weil wir aufgehört haben, uns innerlich dagegen zu stemmen.

Vertrauen statt Kontrolle

Und damit sind wir bei dem Punkt, der mich an Flow besonders interessiert:

Vertrauen.

Wir wollen häufig erst handeln, wenn wir wissen, dass es funktionieren wird.

Wir wollen Sicherheit.

Wir wollen einen Plan.

Wir wollen das Ergebnis möglichst vorher kennen.

Aber Leben funktioniert nicht so.

Wir können vieles vorbereiten. Wir können lernen, üben und planen.

Aber irgendwann kommt immer der Moment, in dem wir den nächsten Schritt machen müssen, ohne zu wissen, was danach kommt.

Vielleicht beginnt genau dort Vertrauen.

Nicht als blindes Vertrauen.

Sondern als Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, die eigene Erfahrung und die Fähigkeit, auf das zu reagieren, was tatsächlich geschieht.

 

Flow braucht Präsenz

Vielleicht hat Flow deshalb auch sehr viel mit dem Jetzt zu tun.

Wenn ich wirklich in einer Tätigkeit aufgehe, bin ich nicht gleichzeitig gedanklich bei gestern und morgen.

Ich bin hier.

In diesem Ton.

In diesem Schritt.

In dieser Farbe.

In dieser Bewegung.

In diesem Augenblick.

Flow holt uns zurück in die unmittelbare Erfahrung.

Und vielleicht ist das einer seiner größten Werte.

Er bringt uns dorthin zurück, wo das Leben tatsächlich stattfindet:

in den gegenwärtigen Moment.

Kann man Flow erzwingen?

Eine interessante Frage bleibt:

Kann man Flow herstellen?

Ich glaube: nicht direkt.

Man kann Bedingungen schaffen.

Man kann Ablenkungen reduzieren. Man kann sich einer Tätigkeit widmen, die einen wirklich interessiert. Man kann üben, lernen und sich auf etwas einlassen.

Aber Flow selbst lässt sich nicht befehlen.

Sobald wir anfangen zu denken:

Jetzt muss ich aber in den Flow kommen.

… sind wir wahrscheinlich schon wieder ein Stück weit draußen.

Vielleicht ist das sogar das Paradoxe daran:

Flow entsteht eher, wenn wir aufhören, ihn erzwingen zu wollen.

Wenn wir dem Leben wieder etwas zutrauen

Vielleicht brauchen wir deshalb gar nicht immer mehr Kontrolle.

Vielleicht brauchen wir manchmal weniger davon.

Nicht Gleichgültigkeit.

Nicht Passivität.

Nicht einfach „laufen lassen“.

Sondern eine andere Form von Aufmerksamkeit.

Wahrnehmen.

Reagieren.

Vertrauen.

Weitergehen.

Und wieder wahrnehmen.

Das erinnert mich an das Malen.

Ich weiß beim Beginn eines Bildes nicht immer, wo es enden wird.

Aber ich beginne trotzdem.

Ich setze die erste Farbe.

Dann die nächste.

Und irgendwann entsteht etwas, das vorher noch nicht da war.

Vielleicht ist genau das Flow:

Nicht zu wissen, wie das Ganze endet – und trotzdem bereit zu sein, den nächsten Schritt zu machen.

Flow ist kein Weglaufen

Flow bedeutet für mich deshalb auch nicht, der Realität zu entkommen.

Im Gegenteil.

Vielleicht sind wir im Flow sogar besonders nah an der Realität.

Wir sind aufmerksam.

Wir nehmen wahr.

Wir reagieren unmittelbar.

Wir sind nicht ständig damit beschäftigt, die Vergangenheit zu verändern oder die Zukunft vorwegzunehmen.

Wir sind da.

Und vielleicht fühlt sich genau das so leicht an.

Nicht weil das Leben plötzlich keine Herausforderungen mehr hätte.

Sondern weil wir für einen Moment aufhören, gegen das Leben anzutreten.

 

Wenn Leichtigkeit aus Vertrauen entsteht

Vielleicht ist Flow deshalb weniger etwas, das wir erreichen, als etwas, das wir zulassen.

Wir lernen.

Wir üben.

Wir bereiten uns vor.

Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem wir loslassen müssen.

Den nächsten Ton.

Den nächsten Schritt.

Den nächsten Pinselstrich.

Den nächsten Gedanken.

Wir wissen nicht genau, was kommt.

Aber wir vertrauen darauf, dass wir damit umgehen können.

Vielleicht beginnt genau dort die Leichtigkeit.

Und vielleicht ist Flow nichts anderes als dieser besondere Moment, in dem wir nicht mehr versuchen, alles zu kontrollieren – sondern anfangen, dem Leben, unserem Körper, unserer Wahrnehmung und uns selbst wieder ein wenig mehr zu vertrauen.

Merlinori-Gedanke

Flow entsteht dort, wo Kontrolle leiser wird und Vertrauen zu fließen beginnt.

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