Auf ein Wort: Sinn finden
Warum unsere Sinne mehr wissen, als wir denken
Sinn finden: Wir sprechen erstaunlich oft von Sinn.
Wir wollen Sinn finden.
Wir fragen nach dem Sinn des Lebens.
Etwas soll sinnvoll sein.
Manchmal erscheint uns etwas sinnlos.
Wir suchen nach Sinnhaftigkeit.
Und gleichzeitig sprechen wir von unseren Sinnen.
Sehen. Hören. Riechen. Schmecken. Fühlen.
Zwei Wörter, die auf den ersten Blick ganz unterschiedliche Welten beschreiben.
Aber vielleicht gehören sie viel enger zusammen, als wir denken.
Vielleicht beginnt Sinn genau dort, wo wir wieder wahrnehmen.
Meine Sinne sind mein Maßstab
Ich habe für mich in letzter Zeit etwas festgestellt:
Meine Sinne sind für mich das Maß der Dinge.
Nicht irgendeine Theorie.
Nicht das, was jemand behauptet.
Nicht das, was angeblich so sein muss.
Wenn etwas nicht mit meiner eigenen Wahrnehmung zusammenpasst, werde ich aufmerksam.
Dann frage ich nach.
Ich hinterfrage.
Und manchmal sage ich auch einfach: Das nehme ich so nicht an.
Das bedeutet nicht, dass ich nur glaube, was ich sehen kann. Im Gegenteil.
Sehen ist nur ein Teil unserer Wahrnehmung.
Wir hören einen Ton.
Wir riechen einen bestimmten Geruch und sind plötzlich wieder an einem Ort, den wir längst vergessen glaubten.
Wir berühren etwas und wissen innerhalb eines Augenblicks, ob es sich angenehm oder unangenehm anfühlt.
Wir schmecken etwas und unser Körper reagiert, noch bevor unser Verstand darüber nachgedacht hat.
Unsere Sinne sind ständig dabei, Informationen zu sammeln.
Und oft sind sie schneller als unser Denken.
Und dann ist da noch etwas: der Körper kennt kein Gestern und kein Morgen.
Der Körper ist immer jetzt.
Er wartet nicht auf morgen, um zu spüren, dass ihm etwas nicht guttut. Er analysiert nicht erst die Vergangenheit, bevor er auf eine Berührung reagiert. Er ist einfach da – in diesem einen Moment.
Vielleicht ist genau das eine seiner großen Qualitäten: Während unser Kopf ständig zwischen Erinnerung und Erwartung pendelt, lebt unser Körper ausschließlich in der Gegenwart.
Ein Atemzug passiert jetzt.
Eine Berührung passiert jetzt.
Ein Geräusch hören wir jetzt.
Einen Geschmack erleben wir jetzt.
Unsere Sinne holen uns zurück in den einzigen Moment, den wir tatsächlich erleben können: diesen.
Zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit
Vielleicht liegt genau hier ein Problem unserer Zeit.
Wir bekommen immer mehr Informationen.
Wir lesen.
Wir hören Meinungen.
Wir sehen Bilder.
Wir bekommen Nachrichten.
Algorithmen entscheiden mit, was wir sehen sollen.
Und irgendwann kann es passieren, dass wir zwar unglaublich viel wissen, aber immer weniger wahrnehmen.
Wir übernehmen Aussagen, weil sie oft genug wiederholt wurden.
Wir glauben etwas, weil viele andere es glauben.
Wir halten etwas für richtig, weil es irgendwo geschrieben steht.
Aber was sagt eigentlich unsere eigene Wahrnehmung dazu?
Was spüre ich?
Was höre ich?
Was sehe ich wirklich?
Und was davon ist vielleicht nur das, was ich gelernt habe zu sehen?
Sinn entsteht nicht nur im Kopf
Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich die beiden Bedeutungen des Wortes Sinn berühren.
Sinn haben bedeutet: etwas hat Bedeutung.
Einen Sinn haben kann aber auch bedeuten: etwas ist wahrnehmbar, erfahrbar, fühlbar.
Und dann wird aus dem abstrakten Begriff plötzlich etwas sehr Körperliches.
Sinn ist nicht ausschließlich eine philosophische Frage.
Sinn kann in einem Blick liegen.
In einer Berührung.
In Musik.
In einem Geruch.
In einer Farbe.
In einem Raum, in dem wir plötzlich merken: Hier fühle ich mich richtig.
Vielleicht wissen unsere Sinne manchmal längst etwas, für das unser Verstand noch keine Worte gefunden hat.
Und vielleicht gibt es neben unseren fünf körperlichen Sinnen noch eine weitere Form der Wahrnehmung: Intuition.
Wir nennen sie Bauchgefühl, Instinkt oder manchmal einfach ein Gefühl, das wir nicht erklären können.
Jeder kennt diesen Moment: Eigentlich spricht nichts dagegen. Alles sieht vernünftig aus. Und trotzdem sagt etwas in uns: Nein. Irgendetwas stimmt hier nicht.
Oder umgekehrt:
Wir begegnen einem Menschen und haben nach wenigen Augenblicken das Gefühl, dass wir mit ihm auf einer Wellenlänge liegen.
Wir können dafür vielleicht noch keine vernünftige Erklärung liefern. Aber wir nehmen etwas wahr.
Vielleicht ist Intuition deshalb kein Gegensatz zum Denken. Vielleicht ist sie eine andere Form des Wissens – eines, das zunächst nicht in Worten zu uns kommt.
Was fühlt sich für mich stimmig an?
Das ist für mich eine der interessantesten Fragen überhaupt.
Nicht:
Was sollte ich fühlen?
Sondern:
Was fühle ich tatsächlich?
Nicht:
Was müsste ich denken?
Sondern:
Was nehme ich wahr?
Denn zwischen diesen beiden Fragen kann ein gewaltiger Unterschied liegen.
Wir können uns einreden, dass eine Situation richtig ist.
Wir können uns überzeugen, dass eine Beziehung funktioniert.
Wir können uns erklären, warum ein Weg vernünftig ist.
Und trotzdem kann etwas in uns sagen:
Nein.
Vielleicht ist das keine endgültige Wahrheit.
Vielleicht können Sinne sich täuschen. Natürlich können sie das.
Aber sie sind ein Teil unseres persönlichen Abgleichs mit der Wirklichkeit.
Und genau deshalb sollten wir sie nicht einfach übergehen.
Sinn finden heißt vielleicht: wieder wahrnehmen
Vielleicht suchen wir den Sinn manchmal an den falschen Orten.
Wir suchen nach großen Antworten.
Nach Lebenszielen.
Nach Konzepten.
Nach Erklärungen.
Nach jemandem, der uns sagt, wie wir leben sollen.
Dabei könnte die erste Frage viel einfacher sein:
Was nehme ich eigentlich wahr?
Was tut mir gut?
Was tut mir nicht gut?
Was berührt mich?
Was stößt mich ab?
Was zieht mich an?
Was macht mich lebendig?
Was lässt mich innerlich enger werden?
Vielleicht beginnt Sinn nicht mit einer fertigen Antwort.
Vielleicht beginnt Sinn mit Aufmerksamkeit.
Die vielen Bedeutungen eines kleinen Wortes
Ich mag deshalb das Wort „Sinn“.
Es ist ein erstaunliches Wort.
Wir können etwas sinnlich erleben.
Wir können etwas sinnvoll finden.
Wir können etwas sinnlos nennen.
Wir können nach dem Lebenssinn suchen.
Wir können über die Sinnhaftigkeit unseres Handelns nachdenken.
Wir können sinnen – also unseren Gedanken nachgehen.
Und wir können unseren Sinnen vertrauen.
Vielleicht ist das gar kein Zufall.
Vielleicht steckt in dieser Sprache bereits eine kleine philosophische Idee:
Sinn entsteht zwischen Wahrnehmung und Bedeutung.
Wir nehmen etwas wahr.
Wir geben dieser Wahrnehmung Bedeutung.
Und daraus entsteht unsere persönliche Wirklichkeit.
Verstand oder Sinne?
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, dem Verstand oder den Sinnen den Vorrang zu geben.
Vielleicht geht es darum, beide wieder miteinander sprechen zu lassen.
Der Körper nimmt wahr.
Die Sinne liefern Erfahrungen.
Die Intuition gibt manchmal einen Impuls.
Und der Verstand darf all das prüfen, einordnen und hinterfragen.
So entsteht etwas, das größer ist als reine Vernunft und größer als reines Gefühl:
bewusste Wahrnehmung.
Vielleicht ist genau das ein Weg, Sinn zu finden.
Vielleicht wissen unsere Sinne mehr, als wir denken
Ich glaube deshalb nicht, dass wir unseren Verstand ausschalten sollten.
Im Gegenteil.
Wahrnehmen und denken gehören zusammen.
Die Sinne liefern uns Erfahrungen.
Der Verstand ordnet sie ein.
Das Bewusstsein hinterfragt sie.
Und manchmal entsteht daraus etwas, das wir nur schwer erklären können:
Das Gefühl, dass etwas stimmt.
Oder eben nicht stimmt.
Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was wir Sinn nennen.
Nicht die große Antwort auf alle Fragen.
Sondern die Fähigkeit, wahrzunehmen, was für uns Bedeutung bekommt.
Und vielleicht beginnt Sinn finden deshalb nicht irgendwo weit draußen.
Vielleicht beginnt es ganz nah.
Bei uns.
Bei unserem Körper.
Bei unserer Wahrnehmung.
Bei unseren Sinnen.
Auf ein Wort
Sinn.
Ein kleines Wort mit erstaunlich vielen Türen.
Vielleicht müssen wir gar nicht immer nach dem Sinn suchen.
Vielleicht müssen wir manchmal einfach wieder wahrnehmen.
Denn möglicherweise liegt der Sinn nicht darin, für alles eine Antwort zu haben.
Vielleicht liegt er darin, wieder zu spüren, was sich für uns stimmig anfühlt.
„Sinn finden heißt vielleicht nicht, eine Antwort im Außen zu finden.
Es heißt, wieder wahrzunehmen, was in uns und um uns herum geschieht –
und bewusst damit umzugehen.“– Merlinori
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