Ein Bild muss nach Mark Rothko nicht zeigen, was wir kennen. Es kann etwas in uns auslösen.
„Ein Gemälde ist kein Bild einer Erfahrung. Es ist eine Erfahrung.“
— Mark Rothko
Original:
“A painting is not a picture of an experience; it is an experience.”
Die englische Fassung ist bei der National Gallery of Art und beim Metropolitan Museum dokumentiert.
https://www.nga.gov/stories/articles/how-mark-rothko-made-paintings-paper
Was ist ein Gemälde?
Eine Abbildung?
Eine Geschichte?
Eine Komposition aus Farben und Formen?
Oder kann ein Gemälde etwas ganz anderes sein?
Mark Rothko hat darauf eine bemerkenswert einfache Antwort gegeben:
„Ein Gemälde ist kein Bild einer Erfahrung. Es ist eine Erfahrung.“
Damit verändert sich der Blick auf Kunst grundlegend.
Denn wenn ein Bild nicht in erster Linie etwas abbilden soll, dann muss ich als Betrachter auch nicht unbedingt erkennen, was darauf dargestellt ist.
Ich muss vielleicht gar nichts erkennen.
Ich darf einfach erleben.
Mark Rothko und die Kraft der Farbe
Mark Rothko wurde 1903 geboren und gehört zu den bedeutenden amerikanischen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Er wird häufig mit dem Abstrakten Expressionismus und der Color-Field-Malerei verbunden.
Sein Weg zur Abstraktion war allerdings nicht von Anfang an vorgezeichnet.
In seinen frühen Arbeiten finden sich unter anderem Landschaften, Stadtansichten, Badende und Porträts. Erst im Laufe der Zeit reduzierte Rothko seine Bildsprache immer stärker.
Ab Ende der 1940er-Jahre entwickelte sich jene Bildsprache, für die er heute berühmt ist: große, übereinanderliegende Farbflächen mit weichen, beinahe schwebenden Rändern.
Auf den ersten Blick können diese Bilder erstaunlich einfach wirken.
Doch genau darin liegt ihre Kraft.
Wenn Farbe mehr wird als Farbe
Bei Rothko ist Farbe nicht einfach Dekoration.
Sie trägt Stimmung.
Sie erzeugt Nähe und Distanz.
Sie kann beruhigen oder beunruhigen.
Sie kann warm wirken oder kühl.
Sie kann einen Raum öffnen oder ihn scheinbar verdichten.
Das Metropolitan Museum beschreibt gerade diese Wirkung seiner Farbfelder als etwas, das den Betrachter emotional und unmittelbar einbeziehen kann.
Und damit sind wir wieder bei seinem Zitat.
Rothko wollte kein Bild malen, das uns lediglich sagt:
„Schau, das ist eine Landschaft.“
Er wollte etwas schaffen, das uns selbst in eine bestimmte Wahrnehmung hineinführt.
Das Bild ist dann nicht mehr nur Gegenstand.
Es wird zum Erlebnisraum.
Der Betrachter wird Teil des Bildes
Das Spannende an abstrakter Kunst ist vielleicht genau das:
Sie nimmt uns einen Teil der Erklärung weg.
Bei einem Porträt können wir sagen:
Das ist ein Mensch.
Bei einer Landschaft:
Das ist ein Berg.
Bei einem Stillleben:
Das sind Blumen.
Bei Rothko gibt es häufig keinen solchen sicheren Anker.
Da sind Farben.
Flächen.
Übergänge.
Licht.
Tiefe.
Und plötzlich liegt ein Teil der Bedeutung bei uns selbst.
Was sehe ich?
Was empfinde ich?
Was macht diese Farbe mit mir?
Warum zieht mich eine bestimmte Fläche an?
Warum möchte ich näher herangehen?
Oder warum möchte ich Abstand gewinnen?
Das Bild gibt darauf keine eindeutige Antwort.
Und vielleicht muss es das auch gar nicht.
Kunst muss nicht für jeden dasselbe bedeuten
Gerade darin liegt für mich eine große Freiheit.
Zwei Menschen können vor demselben Gemälde stehen und vollkommen unterschiedliche Dinge erleben.
Der eine empfindet Ruhe.
Die andere vielleicht Melancholie.
Jemand sieht Weite.
Ein anderer Enge.
Und wieder jemand empfindet überhaupt nichts Besonderes.
Auch das gehört zur Erfahrung.
Denn Kunst entsteht nicht ausschließlich auf der Leinwand.
Sie entsteht auch zwischen Werk und Betrachter.
Rothkos Bilder machen diesen Gedanken besonders deutlich. Die National Gallery of Art beschreibt, dass er seine abstrakten Werke nicht einfach als formale Übungen in Farbe verstand, sondern mit grundlegenden menschlichen Erfahrungen und Emotionen verband.
Warum mich dieser Gedanke an Malerei fasziniert
Vielleicht liegt genau hier eine der großen Möglichkeiten abstrakter Kunst.
Sie muss nichts erklären.
Sie muss keine Geschichte erzählen.
Sie muss nicht einmal einen Gegenstand darstellen.
Sie darf einfach da sein.
Und trotzdem kann sie etwas in Bewegung bringen.
Einen Gedanken.
Eine Erinnerung.
Eine Stimmung.
Eine Irritation.
Oder einfach nur einen Moment der Ruhe.
Vielleicht kennen wir diesen Zustand sogar aus unserem eigenen Leben:
Manchmal betrachten wir etwas – einen Sonnenuntergang, das Meer, ein Gesicht, eine Landschaft – und für einen kurzen Moment passiert etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt.
Wir betrachten nicht mehr nur.
Wir erleben.
Ein Gedanke, der über Rothko hinausgeht
Ich glaube, genau deshalb ist dieses Zitat für mich so interessant.
Es geht gar nicht ausschließlich um Rothko.
Es geht um die Frage, was Kunst überhaupt sein kann.
Vielleicht muss ein Kunstwerk nicht etwas darstellen, damit wir etwas darin finden.
Vielleicht muss es nicht einmal eine bestimmte Bedeutung haben.
Vielleicht darf es einfach einen Raum öffnen, in dem unsere eigene Wahrnehmung etwas entdeckt.
Und vielleicht ist das der Unterschied zwischen einem Bild, das wir nur anschauen, und einem Bild, das uns tatsächlich berührt.
Rothko hat dafür einen bemerkenswert einfachen Satz gefunden:
Ein Gemälde ist kein Bild einer Erfahrung. Es ist eine Erfahrung.
Merlinori-Gedanke
Für mich liegt darin auch etwas sehr Schönes am Malen selbst.
Ich weiß beim Beginn eines Bildes nicht immer, wo es mich hinführt.
Eine Farbe zieht die nächste nach sich.
Eine Fläche verlangt nach Veränderung.
Etwas entsteht, verschwindet wieder und taucht an anderer Stelle neu auf.
Und irgendwann gibt es diesen Moment, in dem ich nicht mehr versuche, das Bild zu machen.
Das Bild beginnt, mit mir zu arbeiten.
Vielleicht ist genau das ein Teil dessen, was Rothko mit Erfahrung meinte.
Nicht das fertige Bild allein.
Sondern alles, was zwischen Künstler, Farbe, Werk und Betrachter geschieht.
Was ist dein Gedanke zum Zitat von Mark Rothko?
Ich freue mich über einen Kommentar oder eine persönliche Nachricht per E-Mail.
Mein Bild in der Rothko Color-Field-Technik
Ich habe vor einiger Zeit ein Bild im Stil der Color-Field-Technik gemalt:
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