Was heute nur in unserem Kopf existiert, kann morgen sichtbar sein.
Das Kunstzitat von Pablo Picasso , zeigt dass, bevor ein Bild auf einer Leinwand entsteht, existiert es zunächst irgendwo anders.
In einer Vorstellung.
Vielleicht nur als Farbe.
Als Form.
Als Stimmung.
Als Ahnung davon, dass etwas entstehen könnte.
Der Satz
„Alles, was du dir vorstellen kannst, ist real.“
wird Pablo Picasso zugeschrieben. Auch das Musée Picasso Paris verwendet ihn mit seinem Namen. Die genaue Primärquelle des Zitats ist allerdings nicht eindeutig dokumentiert.
Trotzdem steckt in diesem kurzen Satz ein Gedanke, der mich als Künstler sofort interessiert:
Wo beginnt Wirklichkeit eigentlich?
Am Anfang steht eine Vorstellung
Bevor ein Haus gebaut wird, gibt es einen Plan.
Bevor ein Bild entsteht, gibt es eine Idee.
Bevor ein Lied erklingt, gibt es vielleicht eine Melodie im Kopf.
Bevor jemand einen neuen Weg einschlägt, existiert häufig zunächst die Vorstellung davon, dass dieser Weg überhaupt möglich sein könnte.
Die Vorstellung ist noch keine Wirklichkeit.
Aber sie kann ihr Anfang sein.
Und vielleicht unterschätzen wir genau diesen ersten Schritt manchmal.
Pablo Picasso – ein Künstler der Vorstellungskraft
Pablo Picasso gehört zu den prägenden Künstlern des 20. Jahrhunderts. Er entwickelte gemeinsam mit Georges Braque den Kubismus und veränderte damit grundlegend die Art, wie Gegenstände und Räume in der Malerei dargestellt werden können. Quelle / Link
Was mich an Picasso dabei besonders interessiert, ist nicht nur der Stil des Kubismus.
Es ist seine Bereitschaft, anders zu sehen.
Ein Gesicht muss nicht so aussehen, wie wir ein Gesicht normalerweise sehen.
Ein Gegenstand muss nicht aus einer einzigen Perspektive gezeigt werden.
Ein Bild muss nicht die Wirklichkeit kopieren.
Picasso zerlegte Bekanntes und setzte es neu zusammen.
Und genau darin steckt Vorstellungskraft.
Was wäre, wenn …?
Vielleicht beginnt Kreativität mit einer ganz einfachen Frage:
Was wäre, wenn?
Was wäre, wenn ein Gesicht gleichzeitig von vorne und von der Seite zu sehen wäre?
Was wäre, wenn ein Körper aus geometrischen Flächen besteht?
Was wäre, wenn eine Farbe nicht das darstellen muss, was wir von ihr erwarten?
Was wäre, wenn ein Bild nicht erklären, sondern irritieren darf?
Diese Fragen können klein beginnen.
Aber sie können große Veränderungen auslösen.
Picassos Kunst zeigt eindrucksvoll, wie weit eine solche Verschiebung des Blicks führen kann. Das Museum of Modern Art beschreibt seine Arbeitsweise als geprägt von einer großen Offenheit gegenüber unterschiedlichen Stilen, Themen und Medien. Quelle / Link
Vorstellungskraft ist noch keine Realität nach Pablo Picasso
Dabei würde ich den Satz nicht wörtlich verstehen.
Nicht alles, was wir uns vorstellen, wird automatisch Wirklichkeit.
Ein Gedanke allein baut kein Haus.
Eine Vorstellung allein malt kein Bild.
Ein Traum allein verändert noch keine Welt.
Aber:
Ohne die Vorstellung dessen, was möglich sein könnte, kann vieles überhaupt nicht beginnen.
Vielleicht liegt genau darin die Kraft des Satzes.
Nicht im Versprechen:
Denk es dir – und es wird geschehen.
Sondern in der Einladung:
Erlaube dir zunächst einmal, es dir vorzustellen.
Die Grenze zwischen möglich und unmöglich
Interessant wird es dort, wo wir anfangen, uns Grenzen zu setzen.
Das kann sinnvoll sein.
Wir brauchen Realitätssinn.
Wir müssen wissen, was tatsächlich möglich ist und was nicht.
Aber manchmal übernehmen wir Grenzen, die gar keine wirklichen Grenzen sind.
Wir sagen:
„Das geht nicht.“
„Das kann ich nicht.“
„So etwas macht man nicht.“
„Das hat noch niemand gemacht.“
Und vielleicht wäre manchmal eine andere Frage hilfreicher:
Was wäre, wenn es doch möglich wäre?
Nicht als Garantie.
Sondern als Gedankenexperiment.
Denn allein diese Frage öffnet einen anderen Raum.
Genau dort beginnt Kunst
Für mich ist Kunst ein solcher Raum.
Auf einer Leinwand darf etwas entstehen, das es vorher nicht gab.
Eine Farbe darf neben einer anderen stehen, die im wirklichen Leben niemals nebeneinander vorkommt.
Eine Figur darf sich verändern.
Eine Landschaft darf unmöglich sein.
Ein Gegenstand darf seine Form verlieren.
Und trotzdem kann das Ergebnis wahr wirken.
Nicht unbedingt im Sinne einer realistischen Abbildung.
Sondern auf eine andere Weise.
Es kann sich stimmig anfühlen.
Die Wirklichkeit ist größer als das, was wir sehen
Vielleicht ist das auch eine Verbindung zu unserem letzten „Auf ein Wort“ über Staunen.
Dort haben wir darüber gesprochen, dass die Welt nicht neu werden muss, damit wir sie neu sehen können.
Hier drehen wir den Gedanken ein Stück weiter:
Vielleicht müssen wir manchmal anders denken, damit wir etwas sehen können, das vorher noch gar nicht sichtbar war.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Staunen verändert unseren Blick auf das, was bereits da ist.
Vorstellungskraft ermöglicht uns, etwas zu denken, das noch nicht da ist.
Beides beginnt mit einem offenen Blick.
Vom Gedanken zum Bild
Beim Malen kenne ich diesen Übergang sehr gut.
Manchmal sehe ich am Anfang eines Bildes noch gar nicht viel.
Eine Idee vielleicht.
Eine grobe Richtung.
Eine Farbe, die ich verwenden möchte.
Und dann beginnt das Tun.
Der erste Strich.
Die erste Fläche.
Die erste Entscheidung.
Und plötzlich reagiert das Bild.
Ich reagiere darauf.
Etwas verändert sich.
Und irgendwann ist da etwas, das vorher nur in meiner Vorstellung existiert hat.
Jetzt ist es sichtbar.
Die Vorstellung ist Wirklichkeit geworden.
Nicht eins zu eins.
Nicht so, wie ich es am Anfang geplant hatte.
Vielleicht sogar ganz anders.
Aber genau das macht den Prozess interessant.
Die Vorstellung darf sich verändern
Vielleicht muss eine Vorstellung überhaupt nicht feststehen.
Das finde ich beim kreativen Arbeiten besonders spannend.
Wir denken häufig:
Erst habe ich eine Idee.
Dann setze ich sie um.
Fertig.
In Wirklichkeit läuft es oft anders.
Die Idee verändert sich während der Umsetzung.
Das Material antwortet.
Der Zufall mischt sich ein.
Ein Fehler wird interessant.
Etwas funktioniert nicht.
Etwas anderes funktioniert überraschend gut.
Und plötzlich wird aus der ursprünglichen Vorstellung etwas Neues.
Das bedeutet:
Auch die Vorstellung selbst darf wachsen.
Pablo Picasso und der Mut zum Anderssehen
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Picasso für die Kunstgeschichte so wichtig geworden ist.
Er hat nicht einfach nur anders gemalt.
Er hat sich erlaubt, anders zu sehen.
Das Museum of Modern Art beschreibt seine Arbeit über Jahrzehnte hinweg als geprägt von wechselnden Ausdrucksformen und einer Offenheit gegenüber unterschiedlichen Medien und Themen.
Diese Offenheit ist für mich fast interessanter als die Frage, ob man jedes einzelne Picasso-Bild persönlich mag.
Denn sie zeigt etwas Grundsätzliches:
Kreativität braucht Beweglichkeit.
Was stellen wir uns eigentlich vor?
Und dann wird der Gedanke plötzlich persönlich.
Was stelle ich mir eigentlich vor?
Nicht nur beim Malen.
Auch im Leben.
Wie stelle ich mir meine Zukunft vor?
Wie stelle ich mir Beziehungen vor?
Wie stelle ich mir mein eigenes Leben vor?
Welche Möglichkeiten halte ich überhaupt für denkbar?
Und welche habe ich vielleicht schon ausgeschlossen, bevor ich sie überhaupt ausprobiert habe?
Vielleicht lohnt es sich manchmal, diese inneren Bilder anzuschauen.
Denn sie beeinflussen, wie wir die Welt betrachten.
Das innere Bild
Wir tragen ständig Vorstellungen mit uns herum.
Davon, wie wir selbst sind.
Wie andere Menschen sind.
Wie das Leben funktioniert.
Was möglich ist.
Was unmöglich ist.
Was wir können.
Was wir nicht können.
Diese inneren Bilder sind nicht zwangsläufig die Wirklichkeit.
Aber sie können beeinflussen, wie wir Wirklichkeit erleben.
Und genau hier wird der Picasso-Gedanke für mich noch interessanter.
Vielleicht beginnt Veränderung manchmal nicht mit einer äußeren Handlung.
Vielleicht beginnt sie mit einem neuen inneren Bild.
Vorstellungskraft braucht keine Grenze
Das bedeutet nicht, dass wir uns alles schönreden müssen.
Vorstellungskraft ist kein Ersatz für Realität.
Aber sie kann ein Gegenmittel gegen vorschnelle Begrenzung sein.
Vielleicht darf ich mir zunächst einmal erlauben:
Es könnte auch anders sein.
Und erst danach herausfinden:
Was davon ist möglich?
Was davon möchte ich wirklich?
Was davon kann ich umsetzen?
Und was bleibt einfach eine schöne Vorstellung?
Auch das ist völlig in Ordnung.
Nicht jede Vorstellung muss Wirklichkeit werden.
Manche dürfen einfach Gedankenräume bleiben.
Merlinori-Gedanke zu Pablo Picasso
Vielleicht ist das für mich der interessanteste Teil dieses Picasso zugeschriebenen Satzes:
Eine Vorstellung ist bereits etwas.
Noch kein fertiges Werk.
Noch keine Handlung.
Noch keine Realität im äußeren Sinne.
Aber ein Anfang.
Ein inneres Bild.
Eine Möglichkeit.
Eine Richtung.
Und vielleicht brauchen wir manchmal genau diesen ersten Raum, bevor überhaupt etwas Neues entstehen kann.
Beim Malen ist es genauso.
Das Bild existiert zuerst nur irgendwo in mir.
Dann kommt die Leinwand.
Die Farbe.
Das Tun.
Und irgendwann steht es vor mir.
Ich kann es anschauen.
Ich kann es verändern.
Ich kann mich davon überraschen lassen.
Und vielleicht denke ich dann:
Das war eben noch nicht da.
Was ist dein Gedanke zum Thema?
Ich freue mich über einen Kommentar oder eine persönliche Nachricht per E-Mail.
Hinweis zum Pablo Picasso Kunstzitat
„Alles, was du dir vorstellen kannst, ist real.“
— Pablo Picasso zugeschrieben *
Vielleicht bedeutet dieser Satz also nicht:
Alles wird wahr, nur weil du es denkst.
Vielleicht bedeutet er etwas viel Einfacheres:
Erlaube deiner Vorstellung, den ersten Schritt zu machen.
Denn bevor etwas Wirklichkeit werden kann, muss es irgendwo einmal gedacht, gesehen oder gefühlt worden sein.
* Hinweis: Das ist nicht als zweifelsfrei belegtes Picasso-Zitat belegt.
Quellen:

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