Wann haben wir eigentlich aufgehört zu staunen?

Ich meine nicht dieses kurze staunen:

„Ach, interessant.“

Auch nicht das höfliche Erstaunen über etwas Unerwartetes.

Ich meine dieses ganz andere Staunen.

Diesen Moment, in dem wir für einen Augenblick vergessen, dass wir etwas eigentlich schon kennen.

In dem wir stehen bleiben.

Schauen.

Und denken:

Wow.

Wann ist mir das zuletzt passiert?

Ich weiß es gar nicht mehr genau.

Und vielleicht ist genau das schon ein interessanter Gedanke.

Als die Welt noch voller Wunder war

Wenn wir klein sind, gibt es unglaublich viel zu entdecken.

Ein Regenwurm, der aus der Erde kommt.

Eine Schnecke, die sich langsam über einen Stein bewegt.

Ein Regenbogen.

Der Mond.

Ein Käfer.

Eine Pfütze, in der sich plötzlich die ganze Welt spiegelt.

Kinder fragen ständig:

Warum?

Wie?

Woher?

Was ist das?

Und wenn sie eine Antwort bekommen, folgt häufig gleich die nächste Frage.

Die Welt ist noch nicht fertig erklärt.

Sie ist voller Geheimnisse.

Später wird vieles selbstverständlich.

Wir wissen, dass Wasser aus dem Hahn kommt.

Wir wissen, wie ein Auto funktioniert.

Wir wissen, dass der Mond nicht einfach am Himmel hängt, sondern die Erde umkreist.

Wir wissen, dass Pflanzen wachsen.

Wir wissen, dass Sonnenlicht Farben sichtbar macht.

Wir wissen so vieles.

Und vielleicht verlieren wir dabei manchmal etwas.

Nicht unser Wissen.

Sondern unsere Fähigkeit, uns von diesem Wissen überraschen zu lassen.

Wissen und Staunen schließen sich nicht aus

Dabei ist Wissen überhaupt nicht der Gegner des Staunens.

Im Gegenteil.

Je mehr wir verstehen, desto erstaunlicher kann etwas werden.

Wer weiß, wie weit das Licht der Sonne reisen muss, bevor es unsere Haut erreicht, kann vielleicht noch bewusster in der Sonne stehen.

Wer versteht, wie unglaublich komplex das menschliche Auge arbeitet, kann sich vielleicht noch mehr darüber wundern, dass wir überhaupt sehen können.

Wer weiß, wie aus einem winzigen Samenkorn eine große Pflanze entstehen kann, muss darin nicht weniger Wunder erkennen.

Vielleicht ist es also nicht das Wissen, das uns das Staunen nimmt.

Vielleicht ist es die Gewöhnung.

Wir sehen etwas immer wieder.

Und irgendwann sehen wir es nicht mehr wirklich.

Das Selbstverständliche

Das ist vielleicht eines der merkwürdigsten Dinge an unserem Alltag:

Je vertrauter uns etwas wird, desto weniger Aufmerksamkeit schenken wir ihm.

Wir gehen durch dieselbe Straße.
Wir sitzen im selben Zimmer.
Wir sehen denselben Baum.
Wir treffen dieselben Menschen.
Wir hören dieselben Geräusche.

Und irgendwann wird all das zu Hintergrund.

Dabei hat sich die Welt nicht verändert.

Nur unsere Wahrnehmung hat sich verändert.

Wir haben aufgehört hinzuschauen.

Manchmal reicht ein kleiner Umweg

Und manchmal braucht es gar nichts Besonderes, damit wir wieder aufmerksam werden.

Es kann ein ganz gewöhnlicher Moment sein, mit dem wir überhaupt nicht gerechnet haben.

Genau so ein kleiner Moment ist mir neulich passiert.

Ich saß in der Küche und wollte einen zusammengeknüllten Zettel in meinen Altpapiersack werfen. Eigentlich eine völlig unspektakuläre Angelegenheit. Zettel nehmen, werfen, fertig.

Ich hatte mir sogar schon vorgestellt, wie der Zettel direkt im Sack landet.

Tat er aber nicht.

Er traf zuerst den großen Wesco-Mülleimer, prallte von dort ab und flog anschließend tatsächlich in den Altpapiersack.

Ich musste lachen und dachte: „Wow. Das war jetzt irgendwie Magic.“

Nichts Besonderes war passiert. Kein großes Ereignis. Kein Wunder.

Nur ein zusammengeknüllter Zettel hatte einen kleinen Umweg genommen.

Aber genau dieser Umweg hat mich für einen Moment aus meiner Erwartung herausgeholt.

Ich wusste, was passieren sollte.

Dann passierte etwas anderes.

Und plötzlich war ich wieder ganz aufmerksam.

Vielleicht ist das eine kleine Form von Staunen.

Nicht weil etwas Außergewöhnliches geschehen ist, sondern weil die Wirklichkeit für einen Augenblick anders war, als ich sie erwartet hatte.

Vielleicht braucht Staunen deshalb gar kein außergewöhnliches Ereignis.
Vielleicht braucht es zunächst nur einen Moment der Unterbrechung.

Staunen beginnt vielleicht mit einem Innehalten

Vielleicht braucht Staunen deshalb gar kein außergewöhnliches Ereignis.

Vielleicht braucht es zunächst nur einen Moment der Unterbrechung.

Nicht weiter.

Nicht sofort reagieren.

Nicht schon wissen, was etwas bedeutet.

Sondern einfach:

schauen.

Was sehe ich eigentlich gerade?

Was höre ich?

Wie fühlt sich die Luft an?

Wie verändert sich das Licht?

Was macht diese Farbe mit mir?

Was habe ich bisher übersehen?

Vielleicht ist Staunen weniger eine Eigenschaft der Welt als eine Haltung gegenüber der Welt.

Kunst kann uns wieder staunen lassen

Genau hier beginnt für mich die Verbindung zur Kunst.

Ein gutes Kunstwerk kann etwas sichtbar machen, das eigentlich schon die ganze Zeit da war.

Es kann unseren Blick verschieben.

Ein gewöhnlicher Gegenstand kann plötzlich interessant werden.

Eine Farbe kann plötzlich eine Wirkung entfalten, die wir vorher nicht wahrgenommen haben.

Eine Linie kann uns in Bewegung versetzen.

Ein abstraktes Bild kann Fragen auslösen, obwohl darauf vielleicht gar nichts eindeutig Erkennbares zu sehen ist.

Und plötzlich stehen wir davor und denken:

Warum berührt mich das?

Vielleicht ist das ein kleiner Moment des Staunens.

Der Künstler staunt zuerst

Beim Malen ist das für mich ein besonders schöner Gedanke.

Ich beginne ein Bild nicht immer mit einer fertigen Antwort.

Manchmal entsteht zunächst nur eine Idee.

Dann kommt Farbe dazu.

Eine Fläche.

Ein Strich.

Eine Veränderung.

Etwas wird übermalt.

Etwas taucht wieder auf.

Und irgendwann passiert etwas, das ich nicht geplant habe.

Eine Farbkombination funktioniert plötzlich.

Eine Form bekommt eine unerwartete Wirkung.

Eine Figur entsteht.

Oder ein Bild entwickelt eine Stimmung, die ich am Anfang überhaupt nicht erwartet hatte.

Und dann staune ich selbst.

Das war nicht geplant.

Und genau deshalb ist es interessant.

Staunen braucht keine Erklärung

Vielleicht müssen wir auch nicht alles sofort verstehen.

Das ist ein Gedanke, der mir bei Kunst immer wieder begegnet.

Wir möchten gerne wissen:

Was will der Künstler damit sagen?

Was bedeutet dieses Bild?

Warum ist diese Farbe dort?

Warum sieht das so aus?

Diese Fragen können spannend sein.

Aber manchmal dürfen wir auch einfach davorstehen.

Ohne Erklärung.

Ohne Lösung.

Ohne die Aufgabe, das Kunstwerk „richtig“ zu verstehen.

Vielleicht reicht:

Es macht etwas mit mir.

Und vielleicht ist dieses Gefühl sogar der Anfang einer eigenen Erkenntnis.

Das Staunen über andere Menschen

Staunen muss sich außerdem nicht auf Kunst oder Natur beschränken.

Manchmal können wir auch über Menschen staunen.

Über ihre Geschichten.

Über das, was sie erlebt haben.

Über Fähigkeiten, die wir selbst nicht besitzen.

Über eine unerwartete Freundlichkeit.

Über einen Gedanken, den jemand äußert und der unsere eigene Sicht verändert.

Vielleicht bedeutet Staunen in diesem Zusammenhang auch:

Ich weiß noch nicht alles über diesen Menschen.

Und das ist eine schöne Haltung.

Denn wie schnell glauben wir, jemanden zu kennen.

Wir kennen seinen Namen.

Seine Gewohnheiten.

Seine Geschichte – oder zumindest einen Teil davon.

Und trotzdem bleibt jeder Mensch größer als das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben.

Staunen braucht Offenheit

Vielleicht ist das der gemeinsame Kern all dieser Situationen:

Staunen lässt Raum für das Unbekannte.

Wenn ich schon vorher weiß, was ich sehen werde, ist wenig Platz für Überraschung.

Wenn ich glaube, bereits alles über einen Menschen zu wissen, kann ich kaum noch etwas Neues entdecken.

Wenn ich ein Kunstwerk sofort in eine Schublade stecke, ist die Begegnung schnell beendet.

Staunen sagt dagegen:

Vielleicht gibt es noch etwas zu entdecken.

Und genau dieses „Vielleicht“ gefällt mir.

Was passiert, wenn wir wieder staunen?

Vielleicht verändert sich dadurch unser Blick auf den Alltag.

Nicht unbedingt spektakulär.

Aber ein bisschen.

Wir sehen den Himmel.

Nicht nur „Wetter“.

Wir sehen einen Baum.

Nicht nur „Baum“.

Wir hören Musik.

Nicht nur Hintergrundgeräusch.

Wir begegnen einem Menschen.

Nicht nur einer bekannten Person.

Wir betrachten ein Bild.

Nicht nur eine Leinwand mit Farbe.

Die Dinge bekommen wieder Tiefe.

Nicht weil sie plötzlich etwas anderes geworden sind.

Sondern weil wir wieder genauer hinsehen.

Vielleicht ist Staunen eine Form von Dankbarkeit

Dieser Gedanke gefällt mir besonders.

Wenn ich staune, erkenne ich an, dass etwas nicht selbstverständlich ist.

Ich muss dabei gar nicht religiös oder spirituell werden.

Es reicht schon die Feststellung:

Das ist erstaunlich.

Dass wir überhaupt sehen können.

Dass Menschen Musik machen.

Dass Farben miteinander sprechen können.

Dass aus einer Idee ein Bild entsteht.

Dass ein Gedanke einen anderen Menschen berühren kann.

Dass nach einem langen Winter wieder etwas Grünes aus der Erde kommt.

Vielleicht steckt im Staunen eine ganz einfache Form von Wertschätzung.

Wir nehmen etwas nicht mehr als selbstverständlich hin.

Und vielleicht haben wir das Staunen gar nicht verloren

Vielleicht ist es sogar noch da.

Nur etwas zugeschüttet.

Von Terminen.

Von Gewohnheiten.

Von Informationen.

Von Erwartungen.

Von dem ständigen Gefühl, funktionieren zu müssen.

Vielleicht müssen wir das Staunen gar nicht neu erfinden.

Vielleicht müssen wir nur wieder Platz dafür schaffen.

Einen Spaziergang machen, ohne Ziel.

Ein Bild länger betrachten.

Musik hören, ohne nebenbei etwas anderes zu tun.

Den Himmel anschauen.

Eine Farbe bewusst wahrnehmen.

Eine Frage stellen, deren Antwort wir noch nicht kennen.

Oder einfach einmal etwas betrachten und nicht sofort entscheiden, was wir davon halten.

Ein kleiner Moment des Staunens

Vielleicht ist Staunen deshalb gar nichts Großes.

Vielleicht ist es ein kleiner Riss in unserer Gewohnheit.

Ein kurzer Moment, in dem die Welt nicht mehr selbstverständlich erscheint.

Und plötzlich sehen wir wieder.

Nicht unbedingt mehr.

Aber anders.

Vielleicht liegt genau darin seine Kraft.

Denn wenn wir staunen können, sind wir noch nicht fertig mit der Welt.

Wir haben noch Fragen.

Wir sind noch neugierig.

Wir sind noch offen.

Und vielleicht ist das eine ziemlich schöne Art, durchs Leben zu gehen.

Merlinori-Gedanke

Ich glaube, Kunst und Staunen gehören eng zusammen.

Nicht weil Kunst immer spektakulär sein muss.

Sondern weil sie unseren Blick verändern kann.

Ein Bild kann uns dazu bringen, genauer hinzusehen.

Eine Farbe kann uns überraschen.

Eine Form kann eine Erinnerung auslösen.

Ein Gedanke kann eine neue Tür öffnen.

Und manchmal passiert einfach etwas, das wir nicht geplant haben.

Wir stehen davor.

Schauen.

Und denken:

Wow.

Vielleicht beginnt genau dort etwas.

Vielleicht beginnt dort ein neuer Blick.

Vielleicht beginnt dort Kreativität.

Vielleicht beginnt dort Erkenntnis.

Oder vielleicht müssen wir gar nichts daraus machen.

Vielleicht reicht es einfach, für einen Moment zu staunen.

Die Welt muss nicht neu werden, damit wir sie neu sehen können.
— Merlinori

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