Kunst und das Unaussprechliche: Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.
Manchmal gibt es etwas in uns, das wir nicht in Worte fassen können.
Ein Gefühl.
Eine Erinnerung.
Eine Sehnsucht.
Eine Ahnung.
Etwas, das wir spüren, aber nicht erklären können.
Und manchmal begegnet uns ein Bild – und plötzlich ist es da.
Nicht als Erklärung.
Sondern als Ausdruck.
Johann Wolfgang von Goethe hat dafür einen bemerkenswerten Satz gefunden:
„Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen.“
Wenn Worte nicht mehr reichen
Wir benutzen Sprache jeden Tag.
Wir erklären.
Wir beschreiben.
Wir benennen.
Wir versuchen, unsere Gedanken für andere verständlich zu machen.
Doch es gibt Grenzen.
Manches Gefühl lässt sich nur schwer beschreiben. Manche Erinnerung entzieht sich jeder Erklärung. Und manchmal wissen wir selbst nicht genau, was in uns vorgeht.
Dann kann Kunst etwas übernehmen, was Sprache nicht schafft.
Ein Bild kann traurig sein, ohne das Wort „Traurigkeit“ zu benutzen.
Eine Farbe kann Wärme vermitteln, ohne von Wärme zu sprechen.
Eine Linie kann Spannung erzeugen, ohne einen einzigen Satz zu formulieren.
Musik kann uns berühren, obwohl sie keine Geschichte erzählen muss.
Und manchmal steht man vor einem Kunstwerk und weiß nicht einmal, warum es einen berührt.
Aber es tut es.
Kunst muss nicht alles erklären
Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft der Kunst – Kunst und das Unaussprechliche
Sie muss nicht eindeutig sein.
Sie muss nicht alles erklären.
Sie darf Fragen offenlassen.
Sie darf etwas in uns auslösen, ohne sofort eine Antwort zu liefern.
Vielleicht ist das Unaussprechliche nicht etwas, das unbedingt in Worte übersetzt werden muss.
Vielleicht darf es einfach da sein.
Goethe ging mit seinem Gedanken sogar noch weiter. In der längeren Fassung des Zitats heißt es sinngemäß, dass es beinahe widersinnig erscheint, die Kunst anschließend wieder durch Worte vermitteln zu wollen.
Und genau darin steckt für mich eine spannende Frage:
Warum schreiben wir überhaupt über Kunst?
Warum ich trotzdem über Kunst schreibe
Natürlich könnte man sagen:
Wenn ein Bild etwas ausdrückt, dann soll es doch einfach für sich sprechen.
Und ja.
Das tut es auch.
Aber ein Gedanke kann einen anderen Gedanken öffnen.
Ein Wort kann einen Blick verändern.
Ein Text kann eine Perspektive anbieten.
Und vielleicht sieht jemand ein Bild nach einem Gedanken plötzlich anders als vorher.
Genau deshalb schreibe ich über Kunst.
Nicht, um ein Bild zu erklären.
Sondern um einen Gedanken dazu anzubieten.
Das Bild bleibt dabei frei.
Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte, seine eigene Wahrnehmung und seine eigenen Erfahrungen mit.
Und deshalb kann dasselbe Bild für zwei Menschen etwas völlig anderes bedeuten.
Das Unaussprechliche sichtbar machen
Vielleicht ist Kunst deshalb weniger eine Antwort als eine Einladung.
Eine Einladung, genauer hinzusehen.
Zu fühlen.
Nachzudenken.
Etwas wahrzunehmen, für das uns bisher vielleicht die Worte gefehlt haben.
Für mich gehört genau das zum Wesen von Kunst.
Ein Bild muss nicht sagen:
„Das ist so.“
Es darf auch einfach fragen:
„Was siehst du darin?“
Und vielleicht liegt genau dort die Verbindung zwischen Kunst und Wahrnehmung.
Denn wir sehen nicht nur mit unseren Augen.
Wir sehen auch mit unseren Erfahrungen.
Mit unseren Erinnerungen.
Mit unseren Erwartungen.
Mit dem, was wir bereits in uns tragen.
Vielleicht ist Kunst deshalb eine Vermittlerin zwischen dem, was außen sichtbar ist, und dem, was innen fühlbar wird.
Mein Gedanke zu Goethes Zitat
Ich glaube, Kunst beginnt manchmal genau dort, wo unsere Sprache an ihre Grenze kommt.
Wo wir etwas fühlen, aber nicht erklären können.
Wo wir etwas sehen, aber nicht benennen können.
Wo ein Bild mehr in uns auslöst, als wir in einem Satz zusammenfassen könnten.
Vielleicht müssen wir dieses Unaussprechliche gar nicht unbedingt aussprechen.
Vielleicht reicht es manchmal, ihm eine Form zu geben.
Eine Farbe.
Eine Linie.
Ein Bild.
Einen Klang.
Oder einfach einen Moment des Innehaltens.
Die Kunst erklärt nicht immer, was wir fühlen.
Manchmal hilft sie uns überhaupt erst dabei, es wahrzunehmen.
Und vielleicht ist genau das ihre besondere Kraft.
Wer war Johann Wolfgang von Goethe?
Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war einer der bedeutendsten deutschen Dichter und Denker. Er wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren und verbrachte ab 1775 den größten Teil seines Lebens in Weimar.
Mit Werken wie „Die Leiden des jungen Werther“, „Faust“, „Wilhelm Meister“ und „West-östlicher Divan“ prägte er die deutsche Literatur nachhaltig. Doch Goethe war weit mehr als Schriftsteller: Er beschäftigte sich auch intensiv mit Kunst, Theater, Naturwissenschaften und Politik. Besonders seine Farbenlehre und seine naturwissenschaftlichen Studien zeigen, wie breit sein Denken angelegt war.
Gemeinsam mit Friedrich Schiller wurde Goethe zu einer der zentralen Figuren der Weimarer Klassik. Sein Interesse galt dabei immer wieder der Frage, wie Mensch, Natur, Kunst und Erkenntnis miteinander verbunden sind.
Goethe starb am 22. März 1832 in Weimar. Seine Gedanken und Werke wirken bis heute weit über die Literatur hinaus.
Was sind deine Gedanken zum Zitat Kunst und das Unaussprechliche? Ich freue mich über deinen Kommentar.
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