SEHEN und WISSEN – John Berger
„Die Beziehung zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir wissen, ist niemals endgültig.“
– John Berger
Dieser Gedanke stammt von John Berger aus seinem 1972 erschienenen Buch Ways of Seeing. Darin beschäftigt sich der britische Schriftsteller, Kunstkritiker und Maler mit einer scheinbar einfachen Tätigkeit: dem Sehen. Doch was zunächst selbstverständlich klingt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als etwas ausgesprochen Komplexes. Denn wir nehmen nicht einfach nur wahr, was sich vor unseren Augen befindet. Wir verbinden das Gesehene mit unserem Wissen, unseren Erfahrungen und unseren Vorstellungen.
Vielleicht ist genau das einer der Gründe, weshalb ein Kunstwerk auf unterschiedliche Menschen so verschieden wirken kann. Wir stehen vor demselben Bild, betrachten dieselben Farben und Formen – und entdecken doch etwas ganz Eigenes darin.
Was wir sehen, ist nicht immer nur das, was vor uns liegt. Es ist auch das, was wir mit unserem Blick daraus machen.
Sehen beginnt, bevor wir darüber sprechen
Schon als Kinder entdecken wir unsere Umgebung mit den Augen. Wir erkennen Gesichter, unterscheiden Formen und nehmen Bewegungen wahr, lange bevor wir all das mit Worten beschreiben können. Das Sehen ist eine unserer ersten Möglichkeiten, mit der Welt in Beziehung zu treten.
Doch sobald wir beginnen, unsere Eindrücke einzuordnen, kommt etwas hinzu: unser Wissen.
Wir sehen eine Wolke und erkennen vielleicht ein Tier darin. Wir betrachten eine Landschaft und erinnern uns an einen Ort, an dem wir einmal gewesen sind. Ein bestimmter Farbton kann eine Stimmung hervorrufen, ein Gesicht eine Erinnerung wachrufen oder ein Gegenstand eine ganze Geschichte in uns auslösen.
Unser Blick bleibt also nicht an der Oberfläche stehen. Er verbindet das Sichtbare mit dem, was wir bereits kennen.
John Berger beschreibt in Ways of Seeing, dass die Beziehung zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir wissen, nie endgültig festgelegt ist. Wissen kann unsere Wahrnehmung verändern – und umgekehrt kann eine neue Wahrnehmung unser bisheriges Wissen infrage stellen.
QUELLE / LINK zu John Berger: Ways of Seeing
Das bedeutet: Wir betrachten die Welt nicht aus einem neutralen, vollkommen unbeteiligten Blickwinkel. Wir bringen immer etwas von uns selbst mit.
Der persönliche Blick auf das Zitat von John Berger
Stellen wir uns vor, zwei Menschen stehen vor einem Gemälde. Es zeigt eine Landschaft, vielleicht einen See, einen Baum und einen weiten Himmel.
Der eine Mensch erinnert sich an seine Kindheit, an einen Urlaub am Wasser oder an einen Ort, an dem er sich einmal besonders frei gefühlt hat. Der andere betrachtet das Bild vielleicht eher unter dem Gesichtspunkt der Farbgestaltung, der Perspektive oder der Maltechnik.
Beide sehen dasselbe Gemälde. Und doch begegnen sie ihm auf unterschiedliche Weise.
Das eine Erlebnis ist nicht automatisch richtiger oder wertvoller als das andere. Die persönlichen Erfahrungen beeinflussen, was wir in einem Bild entdecken und welche Bedeutung wir ihm geben.
Auch unsere momentane Stimmung kann unseren Blick verändern. Ein Bild, das uns an einem Tag heiter und leicht erscheint, kann uns zu einem anderen Zeitpunkt nachdenklich stimmen. Vielleicht entdecken wir plötzlich eine Farbe, eine Linie oder eine Form, die uns vorher gar nicht aufgefallen ist.
Das Kunstwerk selbst muss sich dafür nicht verändert haben.
Manchmal verändert sich einfach unser Blick.
Bilder zeigen immer auch eine Perspektive
Ein Bild ist niemals einfach nur eine neutrale Wiedergabe der Wirklichkeit. Schon die Entscheidung, was dargestellt wird, aus welchem Blickwinkel etwas erscheint und welche Elemente weggelassen werden, prägt das Ergebnis.
Ein Fotograf wählt einen Ausschnitt aus einer unüberschaubaren Fülle möglicher Motive. Ein Maler entscheidet sich für bestimmte Farben, Formen und Perspektiven. Selbst eine scheinbar alltägliche Aufnahme enthält die Entscheidung eines Menschen, genau diesen Moment und genau diesen Blick festzuhalten.
Berger beschreibt, dass jedes Bild eine bestimmte Art des Sehens verkörpert. Gleichzeitig hängt unsere Wahrnehmung eines Bildes auch davon ab, mit welchem eigenen Blick wir ihm begegnen.
Das ist ein faszinierender Gedanke, gerade im Zusammenhang mit Kunst.
Ein Gemälde kann uns die Sichtweise eines anderen Menschen zugänglich machen. Wir können uns auf eine Perspektive einlassen, die wir selbst vielleicht nie eingenommen hätten. Wir können etwas entdecken, das uns fremd ist, oder etwas Vertrautes aus einem völlig neuen Blickwinkel betrachten.
Kunst kann damit zu einer Begegnung werden – zwischen dem Blick des Künstlers und dem Blick des Betrachters.
Wenn ein Bild Fragen stellt
Nicht jedes Kunstwerk muss auf Anhieb verständlich sein. Manche Bilder wirken zunächst irritierend. Formen lassen sich nicht eindeutig zuordnen, Farben scheinen miteinander zu konkurrieren, und die dargestellte Welt folgt vielleicht keiner vertrauten Ordnung.
Gerade abstrakte Kunst kann uns mit dieser Erfahrung konfrontieren.
Wir suchen nach einem Gegenstand, einer Landschaft oder einer Figur, an der wir uns orientieren können. Doch vielleicht gibt es nichts eindeutig Erkennbares. Stattdessen begegnen uns Farbflächen, Linien, Strukturen und Bewegungen.
Was zunächst wie eine Schwierigkeit erscheinen mag, kann eine Einladung sein: Wir dürfen unseren gewohnten Blick für einen Moment verlassen.
Vielleicht nehmen wir zuerst nur die Farben wahr. Dann entdecken wir eine Bewegung, eine Spannung oder ein Gleichgewicht. Möglicherweise entsteht eine Stimmung, die wir nicht sofort in Worte fassen können.
Und vielleicht ist gerade das der Moment, in dem wir beginnen, wirklich hinzusehen.
Wir müssen nicht jedes Bild vollständig erklären können. Wir dürfen uns von ihm berühren, irritieren oder überraschen lassen.
Kunst muss nicht immer eine Antwort geben. Manchmal genügt es, wenn sie unseren Blick verändert.
Wissen kann den Blick öffnen – und begrenzen
Wissen hilft uns, die Welt zu verstehen. Es ermöglicht uns, Zusammenhänge zu erkennen, Dinge einzuordnen und Erfahrungen miteinander zu verbinden.
Doch unser Wissen kann auch dazu führen, dass wir glauben, bereits alles über etwas zu wissen.
Wenn wir einen Gegenstand sofort erkennen und benennen, betrachten wir ihn vielleicht nur noch als das, was er für uns immer gewesen ist. Wir sehen dann nicht unbedingt genauer hin. Wir greifen auf unsere vertraute Vorstellung zurück.
Das geschieht im Alltag ständig. Wir gehen an Dingen vorbei, die wir schon unzählige Male gesehen haben. Wir kennen ihre Form, ihre Funktion und ihren Platz in unserer Umgebung. Das Vertraute wird selbstverständlich.
Kunst kann diesen Automatismus unterbrechen.
Ein Künstler kann einen gewöhnlichen Gegenstand so darstellen, dass wir ihn plötzlich neu wahrnehmen. Eine ungewohnte Perspektive, eine überraschende Farbgebung oder eine veränderte Größenordnung können das Vertraute aus seiner gewohnten Ordnung lösen.
Plötzlich betrachten wir etwas, das wir eigentlich schon kennen, mit anderen Augen.
Vielleicht entdecken wir dabei nicht einmal etwas völlig Neues über den Gegenstand selbst. Aber wir entdecken etwas Neues in unserer Beziehung zu ihm.
Und das kann ausreichen, um unseren Blick zu erweitern.
Die Wirklichkeit und das Bild, das wir von ihr haben
John Bergers Gedanke führt uns noch einen Schritt weiter. Denn wenn unser Wissen und unsere Erfahrungen beeinflussen, was wir sehen, stellt sich die Frage, wie wir eigentlich zwischen der Wirklichkeit und unserer Vorstellung von ihr unterscheiden.
Wir alle tragen innere Bilder in uns. Bilder von Menschen, Orten, Situationen und Möglichkeiten. Manche sind durch eigene Erfahrungen entstanden, andere durch Erzählungen, Fotografien, Filme oder Kunstwerke.
Diese inneren Bilder begleiten uns und beeinflussen, wie wir neue Eindrücke aufnehmen.
Manchmal erkennen wir in einer Situation etwas wieder, das uns vertraut erscheint. Ein anderes Mal begegnen wir etwas, für das wir noch keine passende Vorstellung haben.
In solchen Momenten kann unser bisheriger Blick an seine Grenzen geraten.
Vielleicht ist das kein Grund zur Unsicherheit, sondern eine Gelegenheit, die eigene Wahrnehmung zu erweitern. Wir können innehalten und uns fragen, ob das, was wir gerade sehen, tatsächlich unserer bisherigen Vorstellung entspricht – oder ob wir bereit sind, etwas anderes zu entdecken.
Das bedeutet nicht, dass jede Wahrnehmung beliebig ist oder jede Vorstellung gleichermaßen zutrifft. Aber es bedeutet, dass wir unsere eigene Sichtweise als eine Perspektive erkennen können, die sich weiterentwickeln darf.
Hier berührt sich Bergers Gedanke mit unserem Essay „Weltbild – Die Welt, die wir in uns tragen“. Dort ging es darum, wie Erfahrungen, Überzeugungen und Erwartungen unser Bild von der Welt prägen. Berger lenkt den Blick nun auf die unmittelbare Begegnung mit dem Sichtbaren: auf den Moment, in dem Sehen und Wissen aufeinandertreffen.
Der Blick des Künstlers
Für einen Künstler beginnt vieles mit dem genauen Hinsehen.
Ein Licht, das sich auf einer Oberfläche verändert. Eine Farbe, die im Zusammenspiel mit einer anderen plötzlich eine ganz neue Wirkung entfaltet. Eine Bewegung, eine Geste oder eine zufällige Struktur, die eine Idee entstehen lässt.
Nicht immer steht am Anfang eines Kunstwerks ein fertiger Plan. Manchmal entwickelt sich ein Bild erst während des Malens. Eine Farbe führt zur nächsten, eine Form verändert die ursprüngliche Vorstellung, und aus einer unerwarteten Entdeckung entsteht eine neue Richtung.
Auch der Künstler sieht sein eigenes Werk nicht unbedingt während des gesamten Entstehungsprozesses gleich. Mit jedem Arbeitsschritt verändert sich das Bild – und möglicherweise auch die Wahrnehmung desjenigen, der es erschafft.
Beim intuitiven Malen kann dieser Vorgang besonders deutlich werden. Der Künstler reagiert auf das, was bereits auf der Leinwand entstanden ist. Er betrachtet, entscheidet, verwirft, ergänzt und lässt sich manchmal von einem Zufall überraschen.
Das Bild wird so zu einem Dialog zwischen Vorstellung und Wahrnehmung.
Vielleicht ist das eine der besonderen Möglichkeiten der Kunst: Sie macht sichtbar, wie offen ein schöpferischer Prozess sein kann. Und sie erinnert uns daran, dass nicht jede Entwicklung von Anfang an vorhersehbar sein muss.
Ein Bild kann sich mit uns verändern
Vielleicht kennst du das: Du betrachtest ein Kunstwerk und entdeckst nach einiger Zeit etwas, das dir zuvor nicht aufgefallen ist.
Eine Linie, die plötzlich eine Verbindung zu einer anderen Form herstellt. Ein Farbkontrast, der eine neue Spannung erzeugt. Eine Fläche, die sich für dich auf einmal ganz anders anfühlt.
Das Bild ist dasselbe geblieben. Aber dein Blick hat sich bewegt.
Manchmal hängt diese Veränderung mit neuen Erfahrungen zusammen. Vielleicht hast du inzwischen etwas erlebt, das deine Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen lenkt. Vielleicht hat sich deine Stimmung verändert oder du hast dich intensiver mit einer künstlerischen Technik beschäftigt.
Ein Kunstwerk kann dadurch immer wieder neue Fragen aufwerfen.
Das bedeutet nicht, dass ein Bild für jeden Menschen alles bedeuten kann. Es bedeutet vielmehr, dass die Begegnung mit einem Bild nicht auf einen einzigen Augenblick beschränkt sein muss.
Wir können zurückkehren, erneut betrachten und weitere Zusammenhänge entdecken.
Und vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb uns manche Kunstwerke über lange Zeit begleiten: Sie lassen uns immer wieder etwas Neues erkennen – nicht unbedingt, weil sie sich verändern, sondern weil wir uns verändern.
Sehen heißt, in Beziehung zu treten
Wenn wir etwas betrachten, stehen wir nicht außerhalb der Welt. Wir sind selbst Teil dessen, was wir wahrnehmen.
Unser Blick verbindet uns mit unserer Umgebung. Er richtet unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Dinge und lässt andere möglicherweise in den Hintergrund treten. Wir nehmen wahr, was uns anspricht, was uns vertraut ist oder was unsere Neugier weckt.
John Berger erinnert uns daran, dass Sehen mehr ist als eine rein körperliche Fähigkeit. Es ist auch eine Weise, unseren Platz in der Welt zu erfahren und Beziehungen zwischen uns selbst und unserer Umgebung herzustellen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, im Alltag gelegentlich bewusster hinzusehen.
Nicht immer nur auf das, was wir bereits kennen. Sondern auch auf das, was uns zunächst unscheinbar erscheint. Auf kleine Veränderungen, unerwartete Details oder Dinge, die wir bisher übersehen haben.
Wir müssen dafür nicht ständig nach etwas Außergewöhnlichem suchen.
Manchmal reicht es, dem Gewöhnlichen wieder Aufmerksamkeit zu schenken.
Und vielleicht beginnt genau dort eine neue Wahrnehmung.
Wenn wir anders sehen, entdecken wir neue Möglichkeiten
Das Zitat von John Berger ist für mich eine Einladung, die eigene Wahrnehmung nicht als etwas Abgeschlossenes zu betrachten.
Unser Wissen ist wertvoll. Unsere Erfahrungen geben uns Orientierung. Doch beides muss nicht das Ende unserer Neugier sein.
Wir können lernen, vertraute Dinge neu zu betrachten, andere Perspektiven zuzulassen und uns von Bildern überraschen zu lassen.
Kunst bietet dafür einen besonderen Raum. Sie kann uns mit Sichtweisen konfrontieren, die außerhalb unserer gewohnten Vorstellungen liegen. Sie kann Fragen aufwerfen, ohne sie abschließend zu beantworten. Und sie kann uns daran erinnern, dass unsere Beziehung zur Welt immer auch von unserem eigenen Blick geprägt ist.
Vielleicht ist es deshalb nicht entscheidend, immer mehr zu wissen oder alles sofort einordnen zu können.
Vielleicht ist es viel wichtiger, den eigenen Blick offen zu halten.
Denn zwischen dem, was wir sehen, und dem, was wir wissen, bleibt ein Raum.
Ein Raum für neue Gedanken, für andere Perspektiven und für die Möglichkeit, etwas bisher Unbekanntes zu entdecken.
Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Kraft der Kunst: nicht nur darin, uns etwas zu zeigen, sondern darin, uns immer wieder neu sehen zu lassen.
Merlinori-Gedanke zum Zitat von John Berger
„Manchmal verändert sich nicht die Welt vor unseren Augen, sondern der Blick, mit dem wir sie betrachten.“
— Merlinori
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