Cézanne und die Natur – zwei Begriffe, die zunächst selbstverständlich zusammengehören. Schließlich hat Paul Cézanne unzählige Landschaften, Berge, Bäume und Stillleben gemalt. Doch Cézanne wollte die Natur nicht einfach abbilden. Er wollte etwas anderes: eine eigene Harmonie finden, die aus der Begegnung zwischen Wahrnehmung und Malerei entsteht.
„Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur.“
– Paul Cézanne
Dieser Satz klingt zunächst fast schlicht. Und doch steckt darin eine ziemlich radikale Vorstellung davon, was Kunst sein kann.
Denn wenn Kunst parallel zur Natur existiert – was bedeutet das eigentlich?
Wer war Paul Cézanne?
Paul Cézanne (1839–1906) war ein französischer Maler und einer der bedeutendsten Wegbereiter der modernen Kunst. Er wurde in Aix-en-Provence geboren und verbrachte große Teile seines Lebens in Südfrankreich, dessen Landschaft ihn immer wieder zum Malen inspirierte.
Zunächst stand Cézanne dem Impressionismus nahe und stellte auch gemeinsam mit den Impressionisten aus. Doch sein eigenes künstlerisches Ziel ging bald darüber hinaus. Während die Impressionisten vor allem den flüchtigen Eindruck von Licht und Atmosphäre erforschten, suchte Cézanne nach einer dauerhafteren Ordnung von Farbe, Form und Raum.
Er malte Landschaften, Stillleben und Menschen immer wieder aus ähnlichen Perspektiven und Motiven. Besonders bekannt wurden seine Darstellungen der Montagne Sainte-Victoire, die Landschaften der Provence und seine zahlreichen Bilder der Badenden. Rund 200 Werke Cézannes zeigen männliche oder weibliche Badende in Landschaften. QUELLE / LINK
Cézannes besondere Bedeutung liegt darin, dass er die Natur nicht einfach möglichst wirklichkeitsgetreu abbilden wollte. Er übersetzte seine Wahrnehmung in Farbflächen, Formen und Beziehungen. Damit wurde er zu einem wichtigen Wegbereiter der Kunst des 20. Jahrhunderts und beeinflusste unter anderem Pablo Picasso und Georges Braque. QUELLE / LINK
Vielleicht ist genau deshalb sein Satz so treffend:
„Kunst ist eine Harmonie parallel zur Natur.“
Denn Cézanne wollte die Natur nicht kopieren. Er wollte aus seiner Begegnung mit ihr eine eigene bildnerische Wirklichkeit entstehen lassen.
Die Natur ist nicht das Bild
Wenn wir einen Baum anschauen, sehen wir einen Baum.
Oder zumindest glauben wir, einen Baum zu sehen.
Wir sehen seine Form, seine Farbe, seine Größe. Wir sehen Licht und Schatten. Vielleicht erinnern wir uns an einen bestimmten Baum aus unserer Kindheit. Vielleicht verbinden wir mit ihm Ruhe, Sommer, Heimat oder Einsamkeit.
Das, was wir wahrnehmen, ist also niemals nur das Objekt selbst.
Unsere Wahrnehmung mischt sich immer ein.
Cézanne interessierte sich genau für diesen Zwischenraum: Was sehe ich eigentlich, wenn ich etwas anschaue?
Er wollte die Natur nicht fotografisch reproduzieren. Seine Bilder sollten keine möglichst genaue Kopie der sichtbaren Welt sein. Vielmehr versuchte er, seine Wahrnehmung in Farbe, Form und Komposition zu übersetzen. Die National Gallery beschreibt genau diesen Aspekt: Cézanne verstand Malerei nicht als bloßes Kopieren der Natur, sondern als eine Übersetzung seiner sinnlichen Erfahrung. QUELLE / LINK
Und plötzlich bekommt sein Satz eine andere Bedeutung.
Parallel zur Natur bedeutet nicht: gleich der Natur.
Es bedeutet: eigenständig – und doch verbunden.
Cézanne sah die Natur als Ordnung
Vielleicht wird das besonders deutlich, wenn man seine Landschaftsbilder betrachtet.
Die Montagne Sainte-Victoire, der berühmte Berg in seiner Heimat Provence, wurde für Cézanne zu einem lebenslangen Motiv. Er malte ihn immer wieder – und trotzdem entstand nicht einfach immer dasselbe Bild.
Warum?
Weil sich mit jedem Blick etwas verändert.
Das Licht verändert sich.
Die Jahreszeit verändert sich.
Der eigene Standort verändert sich.
Und vor allem: Der Mensch, der schaut, verändert sich.
Das Motiv bleibt – aber die Wahrnehmung ist niemals identisch.
Cézanne suchte deshalb nicht nach der einen perfekten Darstellung des Berges. Er suchte nach einer bildnerischen Ordnung, in der Farbe, Form, Raum und Wahrnehmung miteinander funktionieren. Das Philadelphia Museum of Art beschreibt seine Landschaften entsprechend als Werke, die nicht einfach Details reproduzieren, sondern eine eigene „Harmonie parallel zur Natur“ schaffen.
Das ist ein faszinierender Gedanke:
Die Natur ist der Ausgangspunkt. Aber das Kunstwerk wird zu einer eigenen Wirklichkeit.
Zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung
Vielleicht kennen wir dieses Prinzip sogar aus unserem eigenen Alltag.
Zwei Menschen stehen vor derselben Landschaft.
Der eine sagt:
„Was für ein wunderschöner Sonnenuntergang.“
Der andere sagt:
„Sieht irgendwie bedrohlich aus.“
Beide sehen denselben Himmel.
Aber sie erleben nicht dasselbe.
Wahrnehmung ist immer auch Beziehung.
Wir bringen unsere Erfahrungen, unsere Erinnerungen, unsere Aufmerksamkeit und unsere innere Stimmung mit.
Und genau deshalb kann Kunst etwas sichtbar machen, das über das rein Sichtbare hinausgeht.
Ein Bild zeigt nicht nur einen Gegenstand.
Es zeigt auch eine Art, diesen Gegenstand zu sehen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum uns manche Bilder berühren und andere kaltlassen.
Nicht unbedingt, weil das eine Bild „schöner“ ist.
Sondern weil wir uns in einer bestimmten Wahrnehmung wiederfinden.
Kunst muss die Natur nicht übertreffen
Cézannes Satz enthält noch einen weiteren Gedanken.
Wenn Kunst „parallel“ zur Natur ist, dann muss sie nicht versuchen, die Natur zu übertreffen.
Sie muss sie auch nicht perfekt kopieren.
Und sie muss sich nicht ständig mit ihr messen.
Ein gemalter Baum ist kein echter Baum.
Und das ist auch gar nicht sein Anspruch.
Ein Bild darf etwas Eigenes sein.
Eine eigene Ordnung.
Eine eigene Sprache.
Eine eigene Wirklichkeit.
Cézanne wollte deshalb nicht einfach möglichst realistisch malen. Er suchte nach den Beziehungen zwischen Farben und Formen und nach einer Harmonie, die das Bild als eigenständiges Ganzes trägt. QUELLE / LINK
Vielleicht ist das sogar eine der großen Freiheiten von Kunst:
Sie darf etwas sein, das es in der Natur so nicht gibt.
Und trotzdem kann sie uns die Natur näherbringen.
Die Badenden – Natur wird zur Komposition
Das lässt sich auch an Cézannes berühmten Badenden beobachten.
Hier findest Du einige schöne Beispiele:
https://www.artchive.com/artwork/large-bathers-paul-cezanne-1900/
https://www.tripimprover.com/philadelphia-museum-of-art.html
https://www.athenaartfoundation.org/bathers-august-pick-of-the-month
https://www.metmuseum.org/art/collection/search/435867
Auf den ersten Blick sehen wir Menschen in einer Landschaft.
Aber je länger wir hinschauen, desto stärker wird deutlich, dass Cézanne die Figuren, Bäume, Himmel und Landschaft nicht einfach naturalistisch zusammensetzt.
Sie werden Teil einer bildnerischen Konstruktion.
Körper werden zu Formen.
Bäume werden zu Linien und Flächen.
Der Himmel wird zum Farbraum.
Die Landschaft wird zur Komposition.
Die Natur ist noch da.
Aber sie ist gleichzeitig verwandelt.
Und genau darin liegt vielleicht die „parallele Harmonie“, von der Cézanne spricht.
Was sehen wir – und was machen wir daraus?
Für mich steckt darin eine Frage, die weit über Cézanne hinausgeht:
Wie viel von dem, was wir Wirklichkeit nennen, ist eigentlich unsere Wahrnehmung davon?
Wir schauen.
Wir nehmen wahr.
Wir ordnen.
Wir interpretieren.
Und irgendwann entsteht daraus unser Bild von der Welt.
Vielleicht macht Kunst diesen Vorgang sichtbar.
Sie zeigt uns, dass zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung immer ein Raum liegt.
Einen Raum, den wir normalerweise gar nicht bemerken.
Der Künstler macht ihn sichtbar.
Eine Harmonie parallel zur eigenen Wahrnehmung
Vielleicht müssen wir Cézannes Satz deshalb gar nicht nur auf Landschaftsmalerei beziehen.
Auch unser eigenes Leben könnte eine Art Übersetzung sein.
Wir begegnen Menschen, Situationen, Orten und Erfahrungen. Wir nehmen sie wahr. Wir geben ihnen Bedeutung. Wir verbinden sie mit unserer Geschichte.
Und daraus entsteht unsere persönliche Wirklichkeit.
Vielleicht geht es gar nicht darum, die Welt möglichst objektiv abzubilden.
Vielleicht geht es darum, bewusst wahrzunehmen, wie wir sie erleben.
Das bedeutet nicht, dass jede Wahrnehmung automatisch richtig ist.
Aber sie ist ein Ausgangspunkt.
Und genau hier begegnen sich Cézanne und ein Gedanke, der auch für meine eigene Kunst wichtig ist:
Wahrnehmung ist nicht das Ende des Sehens. Sie ist sein Anfang.
Kunst ist nicht die Natur. Und gerade deshalb kann sie uns zu ihr zurückführen.
Cézanne hat uns mit seinem Satz eine interessante Zwischenposition hinterlassen.
Kunst ist weder bloße Kopie der Natur noch völlig losgelöst von ihr.
Sie verläuft parallel.
Nah genug, um von ihr inspiriert zu sein.
Eigenständig genug, um etwas Neues entstehen zu lassen.
Vielleicht ist das auch das Wesen jeder guten Kunst:
Sie zeigt uns nicht einfach, was da ist.
Sie verändert unseren Blick auf das, was da ist.
Und manchmal schauen wir danach auf die Welt und sehen etwas, das vorher schon da war – das wir aber noch nicht gesehen haben.
Kunst beginnt vielleicht genau dort, wo das Abbild endet und Wahrnehmung sichtbar wird.
Merlinori-Gedanke
Vielleicht muss Kunst die Wirklichkeit nicht erklären.
Vielleicht reicht es, wenn sie uns anders auf sie schauen lässt.
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