Kunst und Selbstfindung: Was kann Kunst eigentlich?
Vielleicht mehr, als wir manchmal denken.
Ein Bild kann uns etwas zeigen. Eine Musik kann uns berühren. Ein Gedicht kann einen Gedanken auslösen, den wir vorher gar nicht hatten.
Und manchmal passiert noch etwas anderes:
Wir vergessen für einen Augenblick uns selbst.
Genau darin liegt für mich die besondere Kraft dieses Zitats von Thomas Merton:
„Kunst ermöglicht es uns, uns selbst zu finden und uns gleichzeitig zu verlieren.“
Wer war Thomas Merton?
Thomas Merton (1915–1968) war ein amerikanischer Schriftsteller, Dichter, Denker und Trappistenmönch. Geboren wur
de er in Prades in Frankreich als Sohn zweier Künstler – sein Vater Owen Merton war Maler, seine Mutter Ruth Jenkins ebenfalls künstlerisch tätig.
Nach seinem Studium an der Columbia University und seiner Hinwendung zum katholischen Glauben trat Merton 1941 in die Trappistenabtei Our Lady of Gethsemani in Kentucky ein. Dort lebte er fast 27 Jahre lang als Mönch und wurde zu einem der bedeutendsten amerikanischen spirituellen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.
Merton schrieb mehr als siebzig Bücher, darunter Gedichte, Essays, Tagebücher und Schriften über Spiritualität, Frieden, Gewaltlosigkeit, gesellschaftliche Verantwortung und die Suche nach dem eigenen inneren Weg. Besonders bekannt wurden unter anderem seine Autobiografie The Seven Storey Mountain, No Man Is an Island und New Seeds of Contemplation.
Bemerkenswert ist, dass Merton selbst auch fotografierte und zeichnete. Seine Fotografien und Zeichnungen gehören heute zum Bestand des Thomas Merton Center an der Bellarmine University. In seinen späteren Jahren beschäftigte er sich zudem intensiv mit Zen-Buddhismus und dem Dialog zwischen östlichen und westlichen Traditionen.
Vielleicht macht gerade diese Verbindung von Kunst, innerer Suche, Wahrnehmung und Spiritualität sein Zitat für mich so interessant.
Denn wenn Merton sagt:
„Kunst ermöglicht es uns, uns selbst zu finden und uns gleichzeitig zu verlieren.“
dann beschreibt er Kunst nicht als etwas, das nur betrachtet wird.
Sondern als etwas, das mit uns geschieht.
Sich selbst finden
Kunst und Selbstfindung: Wenn wir ein Kunstwerk betrachten, begegnen wir nicht nur dem Werk.
Wir begegnen auch uns selbst.
Denn jeder Mensch sieht anders.
Was den einen berührt, lässt den anderen kalt. Was für einen Menschen Schönheit bedeutet, kann für einen anderen vollkommen uninteressant sein.
Wir bringen unsere eigene Geschichte mit.
Unsere Erfahrungen. Unsere Erinnerungen. Unsere Vorstellungen. Unsere Wahrnehmung.
Und plötzlich entdecken wir in einem Bild vielleicht etwas, das wir selbst gar nicht in Worte fassen können.
Einen Gedanken.
Eine Erinnerung.
Eine Sehnsucht.
Eine Frage.
Oder einfach ein Gefühl.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Kunst uns so unmittelbar erreichen kann.
Sie muss nicht immer erklären.
Sie darf etwas in uns auslösen.
Und sich gleichzeitig verlieren
Doch dann kommt der zweite Teil des Zitats.
Sich verlieren.
Auch das gehört zur Kunst und Selbstfindung.
Manchmal betrachten wir ein Bild und hören für einen Moment auf, über alles andere nachzudenken.
Die Zeit wird unwichtig.
Das Handy liegt irgendwo.
Die To-do-Liste verschwindet.
Der Alltag tritt in den Hintergrund.
Wir sind einfach nur da.
Bei einem Bild.
Bei einer Musik.
Bei einem Gedicht.
Bei einem Moment.
Vielleicht bedeutet „sich verlieren“ deshalb gar nicht, dass wir uns selbst verlieren.
Vielleicht bedeutet es vielmehr, dass wir für einen Augenblick die Vorstellung loslassen, wer wir sein müssen.
Und genau dadurch können wir uns selbst wieder begegnen.
Kunst muss nicht immer etwas sagen
Das gefällt mir besonders an Mertons Gedanken.
Kunst muss nicht immer eine eindeutige Botschaft haben.
Sie muss nicht erklären, was wir sehen sollen.
Sie darf offen bleiben.
Vielleicht sogar widersprüchlich.
Denn während der Künstler etwas in die Welt gibt, entsteht beim Betrachter etwas Eigenes.
Das Kunstwerk ist nicht mehr nur das, was der Künstler hineingelegt hat.
Es wird auch zu dem, was der Betrachter darin findet.
Oder vielleicht zu dem, was ihr darin findet.
Kunst als Begegnung
Für mich ist genau das ein wesentlicher Teil von Kunst.
Sie ist eine Begegnung.
Zwischen Werk und Mensch.
Zwischen Wahrnehmung und Erinnerung.
Zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was in uns entsteht.
Und manchmal verändert sich dabei sogar unser Blick auf die Welt.
Wir sehen etwas, das vorher vielleicht schon die ganze Zeit da war.
Aber wir haben es nicht wahrgenommen.
Das erinnert mich an einen Gedanken, der für meine eigene Arbeit immer wichtiger geworden ist:
Kunst kann Perspektiven öffnen.
Nicht indem sie uns sagt, was wir sehen sollen.
Sondern indem sie uns dazu bringt, selbst genauer hinzusehen.
Finden und Verlieren
Vielleicht gehören diese beiden Dinge deshalb viel stärker zusammen, als es zunächst scheint.
Sich finden und sich verlieren.
Das eine ist ohne das andere vielleicht gar nicht möglich.
Denn manchmal müssen wir etwas loslassen, um etwas Neues zu entdecken.
Eine Erwartung.
Eine Gewissheit.
Eine festgefahrene Sichtweise.
Oder einfach den Gedanken, dass die Welt genau so sein muss, wie wir sie bisher gesehen haben.
Und vielleicht ist genau dort die besondere Freiheit der Kunst:
Sie erlaubt uns, für einen Moment anders zu sehen.
Anders zu denken.
Anders zu fühlen.
Und vielleicht sogar ein bisschen anders zu sein.
Kunst ermöglicht es uns, uns selbst zu finden und uns gleichzeitig zu verlieren.
Ein schöner Gedanke.
Und vielleicht lohnt es sich, beim nächsten Bild einmal darauf zu achten:
Was finde ich darin?
Und:
Was darf ich darin für einen Moment verlieren?
Was sind deine Gedanken zum Zitat? Ich freue mich über deinen Kommentar.
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