Es gibt Wörter, die wir tausendmal benutzen, ohne ihnen jemals Aufmerksamkeit zu schenken – Wer ist eigentlich dieses Es?
„Und? Wie geht’s?“
„Es geht.“
„Es regnet.“
„Es wird schon.“
„Es ist soweit.“
„Es fühlt sich richtig an.“
„Es passiert.“
„Es gibt immer einen Weg.“
Irgendwann blieb ich an diesem kleinen Wort hängen.
Es.
Nicht „ich“.
Nicht „du“.
Nicht „wir“.
Sondern einfach: es.
Ein Wort mit nur zwei Buchstaben. So klein, dass wir es kaum wahrnehmen. Und doch begleitet es uns den ganzen Tag.
Der Duden erklärt nüchtern, dass „es“ das neutrale Personalpronomen der dritten Person Singular ist. Es ersetzt Dinge, dient als Platzhalter oder beschreibt Naturereignisse.
Das ist grammatikalisch sicher richtig.
Aber ich glaube, dass da noch etwas anderes mitschwingt.
Denn wir benutzen „es“ oft genau dann, wenn wir etwas erleben, das wir zwar spüren, aber nicht benennen können.
Wir sagen:
Es zieht mich dorthin.
Es fühlt sich falsch an.
Es lässt mich nicht los.
Es macht mir Angst.
Es wird Zeit.
Wer spricht da eigentlich?
Der Verstand?
Die Intuition?
Das Unterbewusstsein?
Das Leben selbst?
Oder ist „es“ einfach das Wort, das wir benutzen, wenn unsere Sprache an ihre Grenzen kommt?
Als Künstler kenne ich dieses Gefühl gut
Es gibt Tage, an denen ich male und alles wirkt angestrengt.
Und dann gibt es diese anderen Tage.
Plötzlich fließt alles.
Farben finden ihren Platz.
Formen entstehen fast von selbst.
Man könnte sagen:
„Heute habe ich gut gemalt.“
Aber ehrlich gesagt denke ich dann eher:
„Heute lief es.“
Nicht ich.
Es.
Vielleicht kennen Musiker dieses Gefühl.
Schriftsteller.
Sportler.
Oder Menschen, die völlig in einer Tätigkeit aufgehen.
Man spricht heute gern vom Flow.
Vielleicht ist „es“ ein anderes Wort dafür.
Interessant finde ich auch einen Blick in andere Sprachen
Im Französischen gibt es den Ausdruck „Laissez-faire“.
Wörtlich bedeutet er so viel wie:
„Machen lassen.“
Oder vielleicht sogar:
„Es geschehen lassen.“
Nicht alles erzwingen.
Sondern zulassen, dass etwas seinen eigenen Weg findet.
Gerade in einer Zeit, in der wir glauben, alles planen, optimieren und beherrschen zu müssen, erscheint mir dieser Gedanke überraschend aktuell.
Vielleicht geschieht manches erst dann, wenn wir aufhören, ständig eingreifen zu wollen.
Stephen King und „ES“
Der Schriftsteller Stephen King veröffentlichte einen seiner bekanntesten Romane unter dem schlichten Titel „Es“.
Dort steht das Wort für das Unbekannte, das Verdrängte und das, wovor Menschen sich fürchten.
Mich beschäftigt jedoch eine andere Richtung.
Nicht das bedrohliche „Es“.
Sondern das alltägliche.
Das stille.
Das kleine Wort, das wir unzählige Male aussprechen, ohne darüber nachzudenken.
Vielleicht braucht nicht jede Frage eine Antwort
Manche Fragen verändern schon dadurch etwas, dass wir beginnen, sie überhaupt zu stellen.
Seit einiger Zeit höre ich genauer hin.
Wenn jemand sagt:
Es wird schon werden.
Es ist soweit.
Es fühlt sich richtig an.
Dann frage ich mich jedes Mal:
Wer ist eigentlich dieses „Es“?

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